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Als wäre im Schrank reines Chaos

400 Tagungsteilnehmer diskutieren in Würzburg über Traumatherapie bei Kindern

Was Kinder erleben, sei es auf der Flucht nach Deutschland, sei es in einer deutschen Familie, ist in seiner Grausamkeit oft unvorstellbar. Die Spanne reicht von sexuellem Missbrauch über massive Demütigungen bis hin zu Gräueltaten, die Kinder im Krieg mitansehen mussten. Wie solchen traumatisierten Kindern geholfen werden kann, zeigten Experten bei der 17. Würzburger Fachtagung “Kinder- und Jugendpsychiatrie & Kinder- und Jugendhilfe” Ende September an der Würzburger Universität auf.

Was genau ist ein „Trauma“? Psychologieprofessor Frank Neuner von der Universität Bielefeld erklärt dies Kindern, die an einer „Traumafolgestörung“ leiden, mit der Metapher vom „Schrank“. Jedes Gedächtnis, sagt er etwa zu Kindersoldaten aus Uganda oder Tsunami-Opfern in Sri Lanka, funktioniert wie ein Schrank. Besondere Erlebnisse werden hier in ein Fach abgelegt. Nun gibt es Phasen im Leben, in denen so viel und so Ungeheuerliches passiert, dass keine Zeit mehr bleibt, alles fein säuberlich geordnet in den Schrank zu legen: „Es wird einfach schnell hineingeworfen.“

Dieses Chaos im Schrank drückt nun immerzu nach draußen: „Weshalb man die ganze Zeit damit beschäftigt ist, die Tür zuzuhalten.“ Man kommt zu fast nichts anderem mehr. Traumatherapie bedeutet, den Schrank aufmachen und in Ruhe aufzuräumen. Neuner: „Diese Metapher wird nach unseren Erfahrungen über alle Kulturen hinweg gut verstanden.“

Damit eine Therapie gelingen kann, müssen die Kinder dem Psychologen zufolge verstehen, was eine Traumatherapie nach der in Bielefeld entwickelten „Narrativen Expositionstherapie“ (NET) ist. „Wir gehen im Detail noch mal in die Erinnerung“, so der Psychologe. Das sei ein schmerzhafter Prozess für das Kind und gleichzeitig oft auch eine Herausforderung für den Therapeuten. Der muss bereit sein, alles anhören und genau verstehen zu wollen: „Gerade auch Sachen, die sich unwirklich und bizarr anhören.“

Am Ende der Traumatherapie ist es den meisten Patienten möglich, was geschehen ist und immer wieder fetzenhaft als starkes Gefühl nacherlebt wird, sinnvoll in die eigene Geschichte zu integrieren. Jedes Kind und jeder Jugendliche, der bei Neuner und seinem Team eine Traumatherapie durchläuft, erhält zum Abschluss ein kleines Buch mit seiner Autobiografie. Die Aussicht, dieses Büchlein zu bekommen, lässt die Kinder durchhalten: „Sie wollen ihre dokumentierte Geschichte erhalten, weshalb nur wenige die Therapie abbrechen.“

Während Frank Neuner die Lebensgeschichte streng chronologisch rekonstruiert und sie schriftlich festhält, lässt Traumatherapeut Alexander Korritko vom Institut für systemische Praxis in Hannover seine Patienten Zeichnungen anfertigen. Auch bei ihm geht es darum, die Geschichte des Traumas zu erzählen. Auch er versucht, eine Reihenfolge in die Erlebnisse hineinzubekommen: „Dann kann das Gedächtnis eine Geschichten gut verarbeiten.“

Das Thema „Traumafolgestörung“ ist vor allem angesichts des Zustroms an Flüchtlingen derzeit hochaktuell. Laut Neuner zeigen mindestens 20 Prozent der Kinder von Asylbewerbern das Vollbild einer posttraumatischen Belastungsstörung: „Dennoch gibt es im Moment keine Zeit und kein Geld für Psychotherapie.“ Kommunen seien vollauf damit beschäftigt, Betten zu organisieren.

Traumatherapie aus Kostengründen hinten anzustellen, ist dem Bielefelder Psychologen jedoch zu kurzfristig gedacht. Schließlich wird politisch darauf spekuliert, dass sich die jungen Flüchtlinge möglichst bald gesellschaftlich integrieren und vor allem auch, dass sie helfen, Lücken auf dem Ausbildungs- und Fachkräftemarkt zu füllen. Dafür müssten sie jedoch seelisch gesund sein. Neuner: „Viele sind aber nicht gesund und sie wachsen hier auch nicht gesund auf.“

Junge Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisengebieten nach der in Bielefeld entwickelten Expositionstherapie zu behandeln, würde keine immensen Summen verschlingen. Neuner: „Der individuelle wie auch gesellschaftliche Profit wäre hingegen ungeheuer groß.“

Die Fachtagung “Kinder- und Jugendpsychiatrie & Kinder- und Jugendhilfe” wurde von der Tagesklinik der Würzburger Diakonie, der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe, dem Sozialdienst katholischer Frauen (SkF), der Würzburger Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt organisiert. 400 Sozialpädagogen, Psychologen, Erzieher, Lehrer, Therapeuten sowie Kinder- und Jugendpsychiater nahmen daran teil.

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