Springen Sie direkt: Zum Textanfang (Navigation überspringen) Zur Hauptnavigation Zur Volltextsuche Zur Unternavigation Zu den Funktionen Drucken, Nach Oben, Empfehlen am Seitenende Seitenanfang
Ich suche Hilfe

Nachrichten

Völlig aus der Bahn geworfen

Traumatisierte Kinder und Jugendliche stehen im Fokus der 17. Würzburger Fachtagung

Würzburg. Bei Alexandra lief es richtig gut. Die Lehrer waren zufrieden. Die Mitschüler mochten sie. Dann wurde ihre Mama schwer krank und starb. Was Alexandra aus der Bahn warf. „Das Ereignis traumatisierte sie“, sagt Dr. Andreas Reichert von der Tagesklinik der Würzburger Diakonie. Wie man Kindern wie Alexandra helfen kann, darum geht es bei der 17. „Würzburger Fachtagung für Kinder- und Jugendpsychiatrie & Kinder- und Jugendhilfe“, die am 28. September an der Universität veranstaltet wird.
„Stress, kritische Lebensereignisse und Trauma“ lautet der Titel der Tagung, für die sich Interessierte noch anmelden können. „Wobei das Interesse bereits jetzt im Vergleich zu den Vorjahren sehr hoch ist“, sagt Reichert, der die ganztägige Veranstaltung mitorganisiert. Das kommt nicht von ungefähr. Das Thema „Traumatisierung“ ist nicht zuletzt durch junge Flüchtlinge hochaktuell - und zwar sowohl in Schulen und Kindergärten, als auch in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe und der Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Weit mehr Kinder und Jugendliche, als man noch vor wenigen Jahren annahm, leiden Untersuchungen zufolge an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Reichert: „Hierzulande ist etwa jedes fünfte Kind von traumatisierenden Ereignissen betroffen.“ Auch zu ihm in die Tagesklinik der Diakonie kommen immer wieder Kinder und Jugendliche, die etwas Schreckliches erlebt haben und darüber nicht hinwegkommen. Eine Welt stürzte für sie plötzlich zusammen. War gestern noch alles Sicherheit und Geborgenheit, lauern mit einem Mal überall Gefahren.
Was zum Beispiel Alexandra nach dem Tod der Mutter an Verhaltensweisen zeigte, ging weit über eine normale Trauerreaktion hinaus. „Sie sackte in der Schule ab, teilweise ging sie gar nicht mehr zum Unterricht“, schildert Reichert. Ständig dachte das Mädchen an die Mama. Hätte sie etwas tun können, um ihr Leben zu retten? War sie schuld, dass die Mama krank wurde? Wie oft hatte sie nicht gefolgt, wie oft musste sich Mama ärgern! Und könnte denn nun auch Papa sterben?
Durch eine kindgerechte Psychotherapie gelang es, Alexandra die Schuldgefühle und die kreisenden Gedanken zu nehmen. Inzwischen hat sich das Mädchen wieder so weit gefangen, dass es in die Schule gehen kann. Die Noten sind noch nicht ganz so wie früher. Doch Alexandra ist auf einem guten Weg.
Traumata bei Kindern sind laut Andreas Reichert ein Thema, womit sich Erwachsene nicht selten schwertun. Heißt es doch, sich selbst hineinzubegeben in das Grauenvolle, das die Kinder erlebt haben. Sei es ein schrecklicher Verkehrsunfall. Eine Gewalteskalation in der Familie. Oder ein gravierender sexueller Missbrauch. Gleichzeitig ist es jedoch sehr wichtig, wie die Fachtagung aufzeigen wird, den Kindern und Jugendlichen so früh wie möglich zu helfen.
In Vorträgen und Workshops wird erläutert, welche kritischen Lebensereignisse zu einer Traumatisierung führen können. Vor allem wird aufgezeigt, wie man traumatisierte Kinder und Jugendliche behandeln kann.
Besonders aktuell wird das Thema durch junge Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen. „Viele sind traumatisiert“, so Reichert. Und zwar in einem Maße, das sehr häufig weit über das hinausgeht, was deutsche Kinder hinter sich haben. „Manche dieser Jugendlichen wuchsen im Bürgerkrieg auf“, so der Psychologe. Hundertfach sahen sie Schreckliches - Bedrohungen, Gewalt, Tote.
Auch Kindersoldaten sind unter den jungen Flüchtlingen. Wer mit ihnen zu tun hat, muss wissen, wie leicht es hier zu Flashbacks kommen kann: „Es reicht eine Tür, die zuknallt und also an einen Schuss erinnert, und diese Jugendlichen wirken plötzlich wie völlig ferngesteuert.“ Sie sind dann tatsächlich nicht mehr bei sich selbst. Haben alles Emotionale heruntergefahren. Wie damals. Im Krieg. Als es nur noch darum ging, zu überleben.
Die Fachtagung wird von der Tagesklinik der Diakonie, der Evangelischen Kinder-, Jugend- und Familienhilfe, dem Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) in Würzburg, der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt veranstaltet. Tagungsort ist das Seminar- und Hörsaalgebäude Z6 am Hubland. Die Tagung beginnt am 28. September um 9.30 Uhr. Programm und Anmeldung unter http://wuerzburger-fachtagung.de.

abstandshalter
Icon: Schrift vergrößern
Icon: Schrift verkleinern
SCHRIFT: